Einleitung
Die Bachtiaren im Südwesten Irans
Die Bachtiaren bilden eine bedeutende Volksgruppe im Südwesten Irans. Man unterteilt sie in zwei Hauptgruppen: die Haft Lang („Die Siebenbeinigen“) mit 55 Unterstämmen und die Tschahar Lang („Die Vierbeinigen“) mit 24 Unterstämmen. Bis heute leben einige Bachtiaren als nomadische Viehhirten, obwohl der Großteil der Bevölkerung mittlerweile sesshaft wurde.
Schätzungen zur Bevölkerungszahl variieren erheblich. Die Encyclopaedia of Islam nennt eine Zahl von etwa 400.000 Personen. Die Encyclopædia Iranica spricht von zirka 600.000 Menschen. Das traditionelle Siedlungsgebiet der Bachtiaren erstreckt sich vom südlichen Isfahan bis in den Norden der Provinz Chuzestan, insbesondere in die Gegend um Maydan-i Naftun. Sie grenzen an weitere ethnische Gruppen wie die Luren und Kurden.
Herkunft und Abstammung der Bachtiaren
Die Abstammung der Bachtiaren bleibt unter Forschern bis heute umstritten. Man diskutiert mehrere, teils widersprüchliche Theorien über ihre ethnische Herkunft und sprachliche Einordnung.
Der Ethnologe Lorimer betrachtet die Sprache der Bachtiaren als iranisch. Er weist darauf hin, dass ihre isolierte Lebensweise im gebirgigen Terrain des Zagros-Gebirges eine Vermischung mit anderen Völkern – insbesondere Arabern und Türken – verhinderte. Der iranische Ethnologe Iraj Afshar ergänzt diese Sichtweise:
- Die traditionelle Kleidung bachtiarischer Frauen zeige starke Ähnlichkeit mit der Tracht zoroastrischer Frauen aus der Sassanidenzeit.
- Die Sprache der Bachtiaren gleiche dem Mittelpersischen (Pahlavi) jener Epoche.
- Ihr Sprachgebrauch enthält weder arabische noch türkische Lehnwörter.
Afshar schließt daraus, dass die Bachtiaren von den alten Persern abstammen, die sich im 6. oder 7. Jahrhundert v. Chr. mit den Elamiten vermischten.
Einige griechische Ethnologen vertreten die These, dass die Bachtiaren ursprünglich griechischer Herkunft seien. Sie gelangten mit dem Heer Alexanders des Großen in den Iran. Diese Theorie leitet den Namen „Bachtiar“ etymologisch vom persischen Wort „bacht“ (بخت), also „Glück“, ab. Die Perser sagten damals, nicht die Griechen, sondern ihr Glück habe gesiegt; daraus entstanden die „Bachtiaren“, also „die vom Glück Begünstigten“. Diese Theorie gilt in der Forschung jedoch als weniger plausibel.
Eine weitere Theorie identifiziert die Bachtiaren mit den Baktriern (persisch: Bākhtarī) – einem antiken Volk aus dem heutigen Nordafghanistan –, das später in das Zagros-Gebirge einwanderte. Die Encyclopaedia of Islam vertritt die Auffassung, dass die Bachtiaren im 10. Jahrhundert aus Syrien in den Iran kamen. Bis ins 15. Jahrhundert kannte man sie unter dem Namen „Großluren“. Nach dieser Theorie könnten sie kurdischen Ursprungs sein.
Die Sprache der Bachtiaren
Sprachwissenschaftler ordnen das Bachtiarische dem lurischen Dialektcluster zu. Dieser bildet einen Teil der südwestiranischen Sprachgruppe. Im Bereich der iranischen Sprachen ähnelt das Bachtiarische stark dem Neupersischen und teilt mit diesem sowie mit dem Kurdischen einen ähnlichen Wortschatz sowie morphologische und phonologische Merkmale.
Trotz seiner Nähe zum Persischen besitzt das Bachtiarische eigene sprachliche Strukturen und Ausdrücke. Diese Unterschiede grenzen es deutlich vom Standardpersisch ab und unterstreichen seine Zugehörigkeit zum lurischen Substrat. Die Menschen sprechen das Bachtiarische im Wesentlichen in folgenden iranischen Provinzen: Tschahār Mahāl und Bachtiyāri, Luristan, Ilam, Kohgiluye und Boyer Ahmad sowie in Teilen der Provinzen Chuzestan und Isfahan. Diese regionale Verbreitung deckt sich weitgehend mit dem traditionellen Siedlungsgebiet der Bachtiaren.
Die Luren und ihre Gesellschaft
Die Luren (oder Loren) sind eine ethnische Gruppe, die zu den iranischen Völkern gehört. Sie lebten bis ins 20. Jahrhundert überwiegend nomadisch. Ihr Hauptsiedlungsgebiet erstreckt sich vom Zagros-Gebirge im Westen Irans bis zu den Faili-Luren im Südosten des Irak. Schätzungen zufolge leben knapp fünf Millionen Luren in den Hauptsiedlungsgebieten sowie in den iranischen Großstädten.
Gesellschaft und Lebensweise der Luren
Die Luren gliedern sich entsprechend der Lage zur Gebirgskette Kabir Kuh in zwei Hauptgruppen: Poscht-e Kuh („jenseits der Berge“) und Pisch-e Kuh („diesseits der Berge“). Unterhalb dieser geografischen Einteilung setzt sich das lurische Volk aus rund 60 Stämmen zusammen. Zu den bekanntesten zählen die Boir Ahmadi, die Kuhgiluye und die Mamasani. Die Luren galten traditionell als besonders tapfere, widerstandsfähige und kriegerische Nomaden mit großer physischer Robustheit.
Bis zur Herrschaft der Pahlavi-Dynastie (ab 1925) lebte die Mehrheit der Luren als nomadische Viehhirten. Nur eine kleine städtische Minderheit lebte vor allem in der Provinzhauptstadt Chorramabad. Ihre sozialen und politischen Strukturen ähnelten stark jenen der benachbarten kurdischen Stämme. Der kurdische Historiker Îsmet Şerîf Wanlî zählt die Luren daher zu den Kurden. Der Orientalist Kamal Fuad sieht diese Zuordnung hingegen als politisch motiviert, jedoch ethnographisch und sprachwissenschaftlich nicht haltbar. Lurische Frauen genossen traditionell, ähnlich wie kurdische Frauen, mehr persönliche Freiheiten als Frauen in benachbarten iranischen oder arabischen Volksgruppen.
Trotz früher Versuche der politischen Zentralisierung durch verschiedene Herrscher blieben viele Lurenstämme bis ins 20. Jahrhundert weitgehend autonom. Unter Nadir Schah siedelten die Herrscher im 18. Jahrhundert zahlreiche Lurenstämme zwangsweise aus dem Zagros-Gebirge nach Chorasan um. Der bedeutende Stamm der Zand kehrte nach dem Tod Nadir Schahs in sein traditionelles Gebiet um Malayir zurück.
Während der Herrschaft Reza Schah Pahlavis (1925–1941) zwang der Staat die Luren im Rahmen staatlicher Zentralisierungsmaßnahmen zur Sesshaftigkeit. Die Regierung unterdrückte ihre Stammesführer, und die Luren gaben ihre traditionelle nomadische Lebensweise weitgehend auf. Bis etwa 1986 war das Volk fast vollständig sesshaft geworden. Heute leben etwa 60 % der Luren in städtischen Gebieten, sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres traditionellen Siedlungsraums. Der Übergang zum Ackerbau vollzog sich vergleichsweise spät, im Zuge dieser Sesshaftwerdung.
Die traditionellen Behausungen der nomadisch lebenden Luren umfassten schwarze Zelte (siah tschador) aus Ziegenhaar, offene Unterstände mit Blätterdach (kula) für den Sommer und Steinhütten (zemga) aus Lesesteinen für den Winter. Ähnlich wie die benachbarte Volksgruppe der Kaschgai sind auch die Luren bekannt für ihre feine Teppichknüpfkunst, die ein wichtiger Bestandteil ihres kulturellen Erbes ist.
Sprache
Lurisch (Lorī) gehört zu den iranischen Sprachen aus dem südwestiranischen Zweig der indoiranischen Sprachfamilie. Es spiegelt in vielen Eigenschaften eine archaische Form des Persischen wider. Die Sprache unterteilt sich in viele Dialekte, die teils so unterschiedlich sind, dass die Menschen sie gegenseitig nicht verstehen. Dennoch gibt es fließende Übergänge zu benachbarten Dialekten des Kurdischen und Persischen.